Rezensionen

„Wassermusik“ – Tom Coraghessan Boyle

Sie lernen einen Menschen kennen, mit dem Sie sich gut verstehen, der Ihr Freund wird. Sie sind glücklich, seine Bekanntschaft gemacht zu haben. Andererseits fragen Sie sich, warum Sie ihm nicht schon viel früher begegnet sind. So ähnlich verhält es sich mit dem Roman „Wassermusik“, erschienen im Rowohlt Taschenbuch Verlag. Ich lieh mir das Buch an einem – wie passend zum Titel – verregneten Sonntag aus der Bücherei, um es am darauffolgenden Montag in der nächstbesten Buchhandlung käuflich zu erwerben und ein eigenes Exemplar zu besitzen (ja, in manchen Dingen bin ich eigen). Wenn Sie mich jetzt fragen, warum, kann ich es Ihnen gar nicht so genau erklären. Vielleicht, weil es mit nichts gleichzusetzen ist, was sich für gewöhnlich auf der Bestsellerliste tummelt? Vielleicht, weil der Autor mit dem unaussprechlichen zweiten Vornamen keinen Wert darauf legt, Menschenkenntnis durch gute Manieren zu ersetzen, im Gegensatz zu den stilistisch und inhaltlich uniformen Romanen, die es sonst so gibt? Auf der einen Seite ist sie zartfühlende Poesie. Sie ist genauso humorvoll wie ironisch, beißend wie zärtlich. Einer von John Irvings Romanen wurde mal beschrieben mit „… als ob die Marx Brothers und die Brüder Grimm einen zusammen draufgemacht hätten…“. Für den Roman „Wassermusik“ fällt  mir absolut nichts vergleichbar Originelles ein, da er so eigenartig ist, daß hier jeder Vergleich hinken, ihm nicht gerecht werden würde.
Erzählt werden die zwei Afrika-Expeditionen des Schotten Mungo Park um 1800, parallel zum Leben des Londoners Ned Rise, der sich mit Betrügereien durchs Leben schlägt. Zusätzlich zu diesen beiden Handlungen schildert Boyle das Leben von Ailie Anderson, Parks Verlobten und späteren Frau. Die erste Reise – der erste Teil des Buches – unternimmt Park allein in Begleitung eines schwarzen Führers, um den Verlauf des Niger zu erkunden. Ned Rise ergaunert durch die Veranstaltung einer illegalen Peep-Show eine Menge Geld und muß, als das Ganze auffliegt, fluchtartig untertauchen. Er erscheint an anderer Stelle wieder, um mit neuen Tricks sein Unwesen zu treiben. Der zweite Teil des Buches, die zweite Expedition, diesmal allerdings mit etlichen Mannen, führt Muno Park und Ned Rise zusammen. Daneben schildert Boyle die Situation von Parks Frau, die mit den Kindern allein zurückgelassen wurde.
Es ist nicht einfach, ein fast 600 Seiten dickes Buch in Kürze zusammenzufassen, schier unmöglich, „Wassermusik“ inhaltlich wiedergeben zu wollen. Es sei hier noch erwähnt, daß Boyle den Faden bei Munog Parks Berichten „Reisen im Innern von Afrika“ aufgegriffen, aber abweichend von historischen Tatsachen weitergesponnen hat, sodaß ein schillerndes, buntes, ungestümes, phantasievolles, vernichtendes, liebenswertes Werk daraus wurde. Wissen Sie was? Lesen Sie es selbst, dann verstehen Sie, was ich meine. Und Freunde kann man ja nie genug haben, nicht?

Ausgezeichneter Schiffsbruch

Ein Produkt, das nicht hält, was seine Hülle verspricht, nennt man Mogelpackung. Ähnlich verhält es sich mit dem Roman „Schiffsmeldungen“, erschienen im Fischer Taschenbuch Verlag. Wird erwähnt, daß die amerikanische Autorin E. Annie Proulx preisgekrönt ist, daß die sinnliche Kraft ihrer Sprache in der Lage ist, Fernweh zu erwecken und wird weiterhin ein Zitat der „USA Today“ gebracht, in dem es heißt „… und hie und da ein Satz, bei dem einem schier der Atem stockt…“, dann geht man mit bestimmten Erwartungen an das Buch heran. Hat man die 393 Seiten – inklusive Danksagung – hinter sich, keimt der Verdacht auf, daß die vierte Umschlagseite sich nicht auf den vorligenden Roman bezieht, und fühlt sich um das angekündigte Lesevergnügen betrogen.
Der Held der Geschichte, wenn man ihn so nennen will, ist der 36jährige Quoyle, der scheinbar das männliche Pendant zur Pechmarie darstellt. Vob Geburt an ein überdimensionales Kinn, überhaupt ein Riese, ungelenk, tollpatschig, dick, schüchtern und zu nichts fähig. Es gibt in der Literatur viele Hauptfiguren, die nicht dem Schönheits- oder sonstigen Idealen entsprechen, die einem aber trotzdem oder gerade deswegen sympathisch sind, weil sie wenigstens eine liebenswerte Seite besitzen. Quoyle tut das nicht. Willen- und ziellos lebt er völlig fremdbestimmt in einem gemieteten Wohnwagen ein tristes Dasein ohne Freunde, verdient sein Geld mit Aushilfsjobs, bis er durch eine Waschsalonbekanntschaft an die Stelle eines billigen Reporters gerät. Bei einer Versammlung lernt er Petal Bear kennen, mit der er zum ersten Mal im Leben Liebe und Leidenschaft erlebt, die er heiratet und mit der er zwei Töchter hat. Das Glück ist nur von kurzer Dauer. Petal geht fremd, wid ihm und den Kindern untreu, ohne daß er etwas dagegen unternimmt. Als sie sich von ihm trennt, um mit einem anderen zu verschwinden, kommt sie bei einem Unfall ums Leben. Bevor Quoyle noch tiefer fallen kann, als er sich ohnehin schon befindet, tritt seine Tante Agnis in Erscheinung, die vorschlägt, nach Neufundland auszuwandern, ins Land ihrer Vorfahren. Es bedarf natürlich nicht viel Üerredungskunst, und die vier verlassen die Staaten, um sich selbst eine neue Existenz und ein sich in Familienbesitz befindliches Haus aufzubauen. Quoyle bekommt Arbeit bei der hiesigen Lokalzeitung und ist für die Schiffsmeldungen zuständig, die er von einer bloßen Aufstellung der ein- und auslaufenden Schiffe zu einer eigenständigen Rubrik ausbaut. Nach und nach gelingt es, das Haus wohnlich zu gestalten; Quoyle lernt eine Frau kennen, versteht ich mit den Kollegen, findet Freunde und avanciert schließlich zum verantwortlichen Chefredakteur. Der Knoten ist geplatzt.
Apropos Knoten: Jedes Kapitel wird eingeleitet durch ein Zitat aus dem Ashley-Buch der Knoten. Außer, daß Knoten mit der Fischerei, dem Bootfahren, dem Wasser zu tun haben und allgemein dem Maritimen zuzuordnen sind, haben sie keinen eindeutigen inhaltlichen Bezug und man fragt sich, ob sie nur dem Layout dienen. Auflockerung hätte dieses Buch wirklich nötig, denn genauso wie das Wetter in Neufundland beschrieben wird und wahrscheinlich auch tatsächlich ist, genauso zieht sich eine miese Stimmung durch den Roman. Wie man den Regen nach drei Tagen satt hat, so schlägt einem die Melancholie des Quoyleschen Gedankengutes nach spätestens fünfzig Seiten aufs Gemüt. Es mag als Running-Gag gemeint sein, daß der Held in Schlagzeilen denkt, was zugegebenermaßen manchmal einer gewissen Komik nicht entbehrt, aber man traut sich als Leser gar nicht, herzhaft zu lachen; es wäre irgendwie fehl amPlatz, Schönwetter in Neufundland. Wenn man bedenkt, daß Frau Proulx für diesen Roman den Pullitzerpreis, den National Book Award und andere wichtige Literaturpreise gewann, wie es im Vorwort heißt, dann fragt man sich, was Auszeichnungen wert sind. Alles in Allem macht Roman „Schiffsmeldungen“ auf das Land Neufundland so neugierig wie eine gehäkelte Klorolle auf einer Hutablage auf den Fahrzeughalter.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s