Glossen

Esst mehr Frösche!

Nach sechs arbeitsreichen und mit Terminen ausgefüllten Tagen stehen wir wieder am Abgrund. Vor uns liegt ein riesiges Meer an Freizeit. Ein Schritt in die falsche Richtung würde bedeuten, in das gähnende Sonntagsloch zu fallen, während Familien mit Kindern das schöne Wetter nutzen, um eingesperrte Tiere zu bestaunen, durchorganisierte Freizeitsparks zu frequentieren oder an Badeseen mit Handtüchern vermeintliche Reviere abzustecken. Allgemein versucht man, den siebten Tag sinnvoll zu nutzen und wartet insgeheim auf Montag, wo alles wieder in geregelten Bahnen läuft. Komm, laß uns picknicken, schlägt Martin vor; und wir sind gerettet.

Wir liegen auf dem Rücken, die verschränkten Arme unterm Kopf, und blinzeln gegen die natürliche Lichtquelle. Unsere Augen sind gewohnt, auf Computerbildschirme zu starren, nicht in die Sonne. Hackern ist es gelungen, in den NASA-Rechner einzudringen. Nichts ist mehr sicher. Unter uns Gras, neben uns wogende Getreideähren, auf uns neugierige Ameisen, über uns der blaue Himmel und irgendwo – weit weg – das normale Leben. Selbst der Kaffee, der wieder teurer werden soll, fließt hier langsamer aus der mitgebrachten Thermoskanne als im Alltag. Hitze brennt sich in unsere Haut; wir tanken Sonne. Kaum vorstellbar, daß in Deutschland pro Jahr etwa 2.000 Menschen am schwarzen Krebs sterben, weil sie ihr als Kleinkind zu lange ausgesetzt waren.

Eine einzelne Wolke bringt das Blau da oben optisch aus dem Gleichgewicht. Sie hat die Form einer Patronenhülse, meint Martin. Ich finde, die eines Tampons. Camilla Parker-Bowles hatte einen Autounfall, dabei schlug sie sich den Kopf an und verrenkte sich das Handgelenk. In Deutschland hätte sie so gut wie keine erste Hilfe erwarten können, denn jeder zweite Verbandskasten ist unbrauchbar, hat der Apothekerverband Westfalen-Lippe herausgefunden. Ist schon komisch, womit sich die Leute so beschäftigen.

Der Knall eines Schusses zerstört die göttliche Ruhe. Wir sehen im Geiste, wie ein getroffenes Tier in sich zusammensackt. Es windet sich vor Schmerzen, verliert den Todeskampf. Da erscheint es direkt human, daß die Stadt Köln zur Bekämpfung der Tauben-Plage erstmals ein Rutsch-Gel einsetzt, um das Federvieh an der Landung zu hindern. Unsere Laune ist gedämpft. Tauben können Krankheiten übertragen, und Kranksein wird ab 1. Juli für gesetzlich Versicherte erheblich teurer.

Wir plündern den Picknickkorb, entkorken die Rotweinflasche und entwerfen – im Hinblick auf die in Deutschland von 6,5 auf 7,6 Prozent gestiegene Einkommensarmut – eine neue Gesellschaftsform. Ganz wichtig erscheint uns dabei, daß Quoten und Popularität die Ausfälle von rückfälligen Alkoholikern wie Juhnke nicht rechtfertigen, und prosten uns zu. Schließlich steht das im krassen Gegensatz zu den 2.000 Jugendlichen, die jedes Jahr durch Leichtsinn und eben Alkoholmissbrauch in den Tod rasen. In dem von uns erdachten Land geraten nicht immer mehr Kinder auf die schiefe Bahn oder fürchte sich laut Umfrage der R + V am meisten vor Schicksalsschlägen in der Familie oder vor Sexgangstern.

Ermattet sinken wir auf unser Lager zurück. Das Denken fällt hier nicht leicht auf unserer Insel weitab vom Festland. Irgendwie scheint die reale Welt mit ihren Problemen und Alltagssorgen auch furchtbar weit weg zu sein. Mein Kopf liegt auf Martins Bauch und da ich nichts besseres zu tun habe, frage ich mich, ob man Schiff-Fahrt jetzt mit zwei oder drei f schreibt. Darüber triumphiere ich, daß einige deutsche Autoren die Anwendung der Rechtschreibreform auf ihre Texte abgelehnt haben.

Zwei Fliegen machen es sich auf mir bequem; ich werde aus ihrem Verhalten nicht schlau, weiß nicht, in welcher Beziehung sie zueinander stehen. Eins ist jedoch klar: nie käme eine männliche Fliege darauf, seine frühere Lebensgefährtin mit Benzin zu übergießen, wenn sie auf jemand andern flöge. Die Menschheit ist krank. Und offensichtlich nicht nur die Deutschen. In Seoul lud man zu einer von der Regierung unterstützten Frosch-Party, um die Zahl der Ochsenfrösche in Südkorea zu dezimieren. Das fett- und kalorienarme Froschfleisch stelle eine gesunde Alternative zu Rindfleisch dar. Ich frage mein Kopfkissen, ob es mehr Frösche in Korea oder mehr Dummköpfe in Deutschland gibt. Martin propagiert den Kannibalismus und ich beschließe bei der Gelegenheit, nie mehr Fleisch zu essen. Egal welcher Herkunft.

Mir ist nach Schweigen zumute und ich schaue träge zum Himmel, wo ein Flugzeug einen Kondensstreifen hinterläßt. Was hinterlassen wir? Ich schließe die Augen. Nach einem arbeitsreichen Leben und langer, schwerer Krankheit verstarb viel zu früh… Das Zwitschern der Vögel ist das Einzige, das verhindert, daß aus der göttlichen Ruhe ringsum tödliche Stille wird. Ich könnte mir vorstellen, Goethe schrieb „Gabst mir die herrliche Natur zum Königreich, Kraft, sie zu fühlen, zu genießen“ in einem Moment wie diesem (eventuell sogar mit dem gleichen Blutalkoholspiegel). Was würde er wohl dazu sagen, daß japanische Biologen gentechnisch veränderte Mäuse gezüchtet haben, die in der Dunkelheit leuchten? Würde er es als Teufelswerk ansehen und Mephisto zuschreiben? Hätte er nicht vielleicht sogar recht damit?

Die unbeirrbare Sonne sendet weiterhin ihre Strahlen zur Erde. Ich werde schläfrig. Unser Floß treibt immer weiter weg von der Zivilisation. Die Menschheit mit all ihren Problemen lassen wir hinter uns, eskortiert von einem Rudel übermütiger Schmetterlinge. Ich rieche das Gras, höre die Vögel und spüre die Wärme. Irgendwo da draußen boxt der Papst, aber hier und jetzt herrscht himmlischer Frieden. Die Welt ist verbesserungsfähig, ohne Zweifel. Aber morgen ist ja schon wieder Montag, fällt mir ein, bevor der Schlaf mich zu sich holt. Und überhaupt: warten wir damit auf anderes Wetter. Warten wir auf Regen. Die Natur kennt sich besser damit aus, Petersilie zu verhageln. Warten wir auf anderes Wetter, warten wir auf Regen.

(Anmerkung: Dieser Artikel entstand nach dem Lesen einer einzigen Ausgabe einer Tageszeitung…)

Eiapopeia!

Bis vor kurzem dachte ich, der Mensch sei eigentlich ein Säugetier, aber Forschungen der Japaner haben jetzt ergeben, daß wir in der Lage sind, elektronische Eier auszubrüten. Die heißen dann Tamagotchi und sind der neuste Renner auf dem Spielzeug-Sektor.

Martins kleine Schwester hat so ein Küken adoptiert, und seitdem ist nichts mehr wie es vorher war. Sie ist gerademal 14 Jahre alt und sehnt sich offenbar danach, Verantwortung für ein anderes Lebewesen zu übernehmen. Martin verteht’s nicht, weil sich beispielsweise das Müllraustragen bis dato ihrer Verantwortung entzog. Mit ihrem elektronischen Haustier ist das was anderes. Sie trägt es an einer Kette um den Hals. Wenn es Hunger hat, wird es umgehend gefüttert. Wenn es Häufchen gemacht hat, wird der Dreck beseitigt. Und wenn es spielen will, schenkt sie ihm ihre ungeteilte Aufmerksamkeit. Und alles komfortabel per Knopfdruck. Manchmal wacht es nachts auf und kann nicht mehr schlafen. Dann piepst es zum Steineerweichen. Die Freundin von Martins Schwester hat auch so ein Ei. die schwänzt sogar die Schule, ist sozusagen in Mutterschaftsurlaub, um rund um die Uhr für den Kleinen da zu sein, bis er aus dem Gröbsten raus ist. Es verändert von Tag zu Tag sein äußeres Erscheinungsbild. Seine Entwicklung ist abhängig von der Zuwendung, die es bekommt. Je besser es von seinem Frauchen behandelt wird, desto länger bleibt es am Leben. Wenn es frühzeitig stirbt, gibt es eben ein neues Leben, was soll’s, es sind genug gespeichert.

Wir fragen uns, ob Martins Eltern vielleicht irgendwas falsch gemacht haben, ob seine Schwester nicht genug Zuwendung bekam oder einfach emotional ausgehungert ist. Das Erschreckende an der ganzen Geschichte: Sie ist nicht die einzige, fast alle Kids haben ihr Tamagotchi. Game Boys sind out, die kann man ja nicht lieb haben. Vorbei die Zeiten, in denen die süßen Kleinen ihre gestressten Alten mit dem Wunsch nach einem lebendigen Haustier nervten. Hund, Katze, Maus & Co. haben ausgedient. Die machen nämlich richtige Haufen, machen wirklich Arbeit und können nicht einfach abgeschaltet werden, wenn man keinen Bock mehr hat, sich mit ihnen zu beschäftigen.

Bei uns im Haus wohnt eine alte Frau, erzähle ich Martin. Sie hat ihren Mann und die Kinder bei einem Unfall verloren und den Verlust nie so richtig verkraften können. Als dann noch ihr Hund starb, ging sie dazu über, ein Stoff-Tier auf Rollen hinter sich herzuziehen. Von der alten Frau sagt man, sie sei verrückt. Verrückt, nicht?

Martin berichtet, er habe davon gehört, daß Deutschland demnächst Ei-land heißen soll und Ei-senach würde die neue Hauptstadt. Wundern würde es mich nicht, bei so vielen nachwachsenden Eierköpfen. Vonwegen Bananen-Republik… Wir fragen uns, was die echten Ei-Lieferantinnen wohl dazu sagen, daß sie als Küken-Mamas ausgedient haben. Wir sehen im Geiste schon die Plakate: Schützt das ungeborene Leben, mein Ei gehört mir! Ich bin gegen Ei-Versuche usw.

Zweifellos hat es ja auch Auswirkungen auf die Linguistik. Im Hessischen sagt man zur Begrüßung zum Beispiel: Ei, gude wie“. Heißt das dann „Tamagotchi, gude wie“? Und überhaupt: Es müssen Ei-Gärten und -Heime eröffnet werden, wo die Kleinen untergebracht sind, wenn Mami/ Papi in die Schule muß. Wie sieht es aus mit monatlichem Ei-Geld vom Staat, mit Eierfreibetrag? Und versichert muß so ein Wesen ja auch sein, falls es mal ernsthaft krank wird und elektronische Hilfe braucht; die Medizin ist um eine Fakultät reicher. Zukünftig gibt es dann nicht nur Baby- sondern auch Ei-Sitter. Ist das das Ende der Überraschungs-Ei-Ära? Oder der Anfang einer Zeit, in der Gefühle sich nicht mehr auf andere Lebewesen sondern auf Maschinen projezieren? Die infantile Antwort auf Cyber-Sex? ist die heutige Jugend so blöd oder so verklemmt, daß sie auf elektronische Hilfsmittel abfährt?

Eben kommt Martins Schwester heulend um die Ecke. „Habt ihr mein Tamagotchi gesehen?“. „Nee, wieso?“. Es sei spurlos verschwunden und hätte doch schon längst gefüttert werden müssen. Martin und ich schauen uns fassungslos an. „Klarer Fall von Ei-Napping!“. Wir seien herzlos. Ach, ne…

Und draußen vorm Haus ist eine Katze völlig in ihr Spiel mit einem eiförmigen Gegenstand vertieft. Sie dribbelt damit über die Wiese, stupst es mit einer Pfote an, sodaß es an den Randstein kullert. Ihr Körper duckt sich, mit verengten Pupillen visiert sie den Feind an, spannt ihre Muskeln und macht sich bereit zum tödlichen Sprung. Sie schnellt hoch und versetzt dem Ding einen Schwinger. Es eiert dem Gulli entgegen, bleibt aber liegen. Die Katze kommt lässig näher, schlendert ein paar Mal um den vermeintlich besiegten Gegenstand. Als dieser plötzlich anfängt zu piepsen, schnellt eine Pranke mit ausgefahrenen Krallen vor und kataputiert den Gegner in die Tiefe. Die Katze legt den Kopf schief und lauscht verträumt dem Platschen, mit dem das Ei in die Kloake fällt. Dann erstattet sie Bericht an die Leitstelle des tierischen Sonderkommandos zur Erhaltung der Art im besonderen und der Vierbeiner im Allgemeinen: „Hier Tiger1. Tamagotchi Nummer drei erfolgreich beseitigt!“. Gut so, weitermachen!

(Anmerkung: Offensichtlich war das Sonderkommando erfolgreich, denn heute sind diese Tamagotchis ja weitgehend verschwunden)

Heute ist Vollmond

Der Wecker klingelt. Eine verschlafene Hand tastet nach dem Ausschalter. Aufstehen! Der Blick aus dem Fenster in die verregnete Realität macht es nicht leichter. In der Marmeladenwerbung würde jetzt die Sonne genau aufs Bett scheinen. Ich würde meinen nackten Oberkörper strecken, und in der Küche würden mich ein zuvorkommender Mann und DAS ERSTE EXTRA DES TAGES erwarten. Stattdessen ordne ich meinen Frotteeschlafanzug, während mein Freund schnarchend die Tonleiter erklimmt. Schlaftrunken wanke ich in die Küche um Kaffee aufzusetzen, der von Frauen gemahlen wurde, die sich gegenseitig an der Schürze zupfen, denn das MACHT KAFFEE ZUM GENUSS, oder so. Als ich unter der Dusche stehe, frage ich mich, wie diese TV-Nixen es schaffen, dermaßen elegant zu brausen. Jegliche Versuche, es ihnen gleich zu tun, werden durch die Unkalkulierbarkeit der Wassertemperatur zunichte gemacht. Unseren Hund muß ich anschließend aus seinem Körbchen zerren und ihn zum morgendlichen Rundgang überreden. Mit hängendem Schwanz tappt er hinter mir her, fällt total verpennt fast über die eigenen Schlappohren, hebt unter größter körperlicher Anstrengung das Hinterbein und bemüht sich, den Baum zu treffen und nicht seine Vorderpfoten. EIN GANZER KERL eben. Einen Strafzettel bekämer er höchstens wegen Behinderung des Verkehrs. Später sitze ich am Tisch und esse mein Knuspermüsli, das nicht knuspert, dafür aber Frühstückszerealien enthält. Früher dachte ich ja, Frühstückszerealien seien Kaffee, Zigaretten und die Zeitung… Mein Freund schneidet sich versehentlich in die Lippe. Dabei ermahnt man schon kleine Kinder, keine Messer abzulecken. Bei Boris Becker ist das was anderes, der wird dafür bezahlt. Vielleicht steckt aber auch dieses Rasierwasser dahinter, das er benutzt, und das vor sich selber warnt: MIT DIESEM DUFT KANN IHNEN ALLES PASSIEREN. Später dann, auf dem Weg zur Arbeit, stelle ich mich auf der Autobahn im Stau an. Vorne hat sich ein Unfall ereignet, SOVIEL IST SICHER. Aus FREUDE AM FAHREN kommt von hinten einer angerauscht. Ich schließe die Augen und warte auf den Knall. Stattdessen schert der Wagen auf die Standspur aus und fährt zügig an der Kolonne vorbei, VORSPRUNG DURCH TECHNIK. Kollektive Empörung macht sich breit, ein Hupkonzert setzt ein. Endlich – VISIONEN WERDEN REALITÄT – geht es weiter. Mein Hintermann hängt mir fast auf der Stoßstange. DAS UNTERNEHMEN ZUKUNFT macht MIT SICHERHEIT MEHR VERGNÜGEN, als um den Platz auf der Überholspur zu kämpfen. Der Typ ist von Blinken über Lichthupen zum Gestikulieren übergegangen. Es sieht so aus, als würde er mich gleich rechts überholen, NICHTS IST UNMÖGLICH im Berufsverkehrt. Mein Auto und ich, WIR HABEN VERSTANDEN und machen die Bahn frei. A CLASS OF IT’S OWN braucht eine Spur für it’s own. Endlich ist mein Arbeitsplatz in Sicht, jetzt muß ich nur noch einen Parkplatz finden. Ich scheine Glück zu haben, denn gerade wird einer frei. Als ich zum Einparken ansetze, rauscht einer an mir vorbei und schnappt ihn mir vor der Nase weg. Arschloch, SIE HABEN ES SICH VERDIENT, was?! Scheint ihn nicht zu beeindrucken. Entnervt stelle ich mich ins Halteverbot, in der Gewissheit, heute abend ein Knöllchen vorzufinden, denn Politessen, DIE TUN WAS für ihr Geld. Im Büro herrscht miese Laune. Ein Auftrag ging flöten, weil eine Kuriersendung nicht termingerecht eintraf, vonwegen WIR HALTEN IHR VERSPRECHEN. Der Chef fegt durch die Räume. Seit er dieses Vitamin-C-Präparat nimmt, baut er nicht ab. Telefone klingeln, hektisches Treiben, genervte Mitarbeiter, MORGENS HALB ZEHN IN DEUTSCHLAND. Die weibliche Belegschaft fängt an nervös zu werden, denn heute kommt der Getränkemann. Blicke auf die Uhr erfolgen in immer kürzer werdenden Abständen, Unruhe macht sich breit, Röcke und Locken werden zurechtgezupft. Da kommt er, alle verschwinden plötzlich hinter verschlossenen Türen, flüchten auf’s Klo, nur ich war wieder zu langsam. Der Typ, ein fettleibiger, ewig schwitz- und stinkender, ungepflegter Kerl, schiebt die Kästen in die Küche, läd das Leergut auf und legt mir die Quittung vor. Als ich ihm das Geld aushändige, versuche ich die Luft anzuhalten, über die Schweißflecken auf seinem T-Shirt hinwegzusehen und mir den knackigen Knaben aus der Fernsehwerbung vor Augen zu rufen. Als der reale Getränkemann weg ist, kommen alle wieder aus ihren Löchern. HEUTE EIN KÖNIG, was? Sehr witzig. Endlich Mittagspause. Ich gehe mit einem Kollegen zum Italiener. Die Bedienung läßt auf sich warten. Vermutlich ist sie damit beschäftigt, Tischdecken und Kellnerschürzen NICHT NUR SAUBER SONDERN REIN zu waschen oder eine italienische Köchin bei der Zubereitung ihrer Pasta zu bespitzeln. WENN DER KLEINE HUNGER KOMMT, werden Sekunden des Wartens zur Ewigkeit. Endlich erscheint jemand, der unsere Bestellung aufnimmt. DU AUCH?, mein Kollege offeriert mir eine Zigarette. Auf der Schachtel weist der EG-Gesundheitsminister darauf hin, daß Rauchen die Gesundheit seines Kindes bereits in der Schwangerschaft gefährdet. Wir fragen uns, seit wann Männer eigentlich Kinder kriegen können und ob Kinderkrankenschwestern so wenig Geld verdienen, daß sie Werbung für Windeln machen müssen, als jemand an unseren Tisch kommt und sich erkundigt, ob das Fahrzeug, das die Einfahrt blockiert, zu uns gehört. ISCH ABE GAR KEINE AUTO, antwortet mein Kollege wahrheitsgemäß. Wir schlagen vor, eine Taube zu engagieren, die sich entleert, um den rechtmäßigen Besitzer ausfindig zu machen, stoßen mit unserem Vorschlag aber nicht auf Gegenliebe. Das Essen wird serviert, HIER KOMMT DER GENUSS. Ich warte darauf, mit dem Stuhl durch die Decke zu krachen, daß über dem Kopf meines Gegenüber ein Krönchen aufblitzt oder daß sich die Löffel verknoten, UNVERGESSLICH GUT. Nichts dergleichen passiert. Wenn jetzt eine Footballmannschaft einmarschierte, würde ich persönlich dafür Sorge tragen, daß es nur noch eine einzige Flasche Ketchup gäbe. Wie dem auch sei, die Pause ist rum, wir machen uns auf den Rückweg ins Büro, ohne uns in die nicht vorhandene Warteschlange an der Haltestelle einzureihen. Es kommt sowieso kein Wagen vorbei, dessen Fahrerin die nicht runtergefallenen Kinnladen wieder hochklappt. Wahrscheinlich taucht sie gerade unter einen roten Ampel durch, ALLES ANDERE ALS LANGWEILIG. Der Nachmittag vergeht relativ reibungslos. Nach Feierabend gehe ich in den Supermarkt, COME IN AND FIND OUT. Vorbei an Megaperls, die – seit es Schokolade gibt – die Regel da aufnehmen, wo Teller vor Begeisterung aus dem Regal hüpfen, während lila Kühe nach Einnahme eines Mittels gegen Durchfall in MARKENSCHUHEN SO GÜNSTIG mit einem Heißluftballon auf dem Weg nach Australien ihre persönliche Unabhängigkeit erklären, derweil Onkel Orangensaft von der Kräuerpolizei abgeführt wird, weil er seinen Apotheker nach den Nebenwirkungen eines kostenlosen Gehaltskontos fragte… Ich erledige meine Einkäufe und sehe zu, daß ich aus dem Laden und nach Hause komme. EINFACH GUT, diese Tiefkühlpizzen. Mein Freund sieht das anders, kann Kerzenschein mit Tiefkühlkost nicht in Einklang bringen. Selbst der Hund würdigt die liebevoll neben saftigen Brocken drapierte Petersilie keines Blickes. In der Glotze streckt eine Kleopatra für Arme hinter einem Becher Buttermilch ihre erigierten Brustwarzen in die Kamera, und mein Freund und ich kriegen uns in die Haare, während das Paar im nächsten Spot mit Sekt vorspielt. Wir versöhnen uns wieder, ALLES WIRD GUT, und begeben uns – LEIDENSCHAFT IST UNSER ANTRIEB – ins Schlafzimmer, wo keine blutigen Turnschuhe vorm Bett stehen. Warum auch? Nachts werde ich wach und kann nicht mehr einschlafen. Ich gehe ans Fenster und schaue auf das Lichtermeer. THE CITI NEVER SLEEPS. Irgendwo da draußen arbeiten ein paar Werbeleute unter Hochdruck an einer neuen Kampagne. DIE HABEN IDEEN. Am Himmel versucht DER STERN DES GUTEN GESCHMACKS gegen den Mond anzuleuchten. In irgendeiner Kneipe werden die Stühle hoch- und die Gläser in den Schrank gestellt, aber das Paar tanzt weiter, ausdauernd wie ihr Deo. Ich sehe zum Mond, PERLE DER NATUR. Da oben hängt er, unbeirrbar; steht am Firmament wie DER FELS IN DER BRANDUNG, als wolle er ausdrücken, er sei DAS EINZIG WAHRE in diesem Schauspiel, als wolle er sagen: ER KANN, SIE KANN. Ihr mich auch. Kreuzweise.

(Anmerkung: Heute kann ich mich teilweise schon gar nicht mehr an die Werbung erinnern, die ich da beschrieben habe…)

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